Jazzpodium

Oliver Tabeling & Andy Scherrer

Jazzpodium / Juli-August 2010:

von Ludwig Jurgeit

Wenn sich zwei verdiente Schweizer Jazzer durch medizinisch-mythologische Pfade und Bilder inspirieren lassen, dann belegt das eindrucksvoll einen kulturellen Crossover. „Hippocampus Valley“, so heißt das Album des Pianisten Oliver Tabeling und des Tenorsaxophonisten Andy Scherrer, der international besonders als Mitglied des Vienna Art Orchestra, aber auch durch seine eigenen Produktionen auf dem Label TBC aus Montreux bekannt ist. Die griechische Mythologie versteht unter „Hippocampus“ die Fischpferde, die den Wagen des Poseidons ziehen. Für Mediziner ist es eine der evolutionär ältesten Komponenten des menschlichen Gehirns, die dem Bewusstsein nicht zugänglich ist. Daraus leiten Tabeling und Scherrer eine Analogie ab, „denn in der Musik passiert viel, was wir nicht bewusst steuern können“, erklärt Tabeling. „Unser ‚Hippocampus Valley’ beschreibt eine Reise ins musikalische Unterbewusstsein, das sich besonders aufs Improvisieren stützt.“ Dabei stammt Tabeling eher aus der Ecke der Struktur, die auf den ersten Blick weniger improvisiert daher kommt. Er hat klassisches Piano studiert. Intensiv hat er einschla?gige russischen Komponisten und Cho- pin studiert und natuürlich auch Bach.

Hier hat er viel Kompositionsarbeit als Ausfluss der Improvisation schätzen gelernt. Und so war es für ihn ein logischer Schritt, sich auf Jazz einzulassen. Zunächst autodidaktisch, dann dank eines vollen Stipendiums in Meisterkursen an der Berklee School Of Music in Boston. Dort sprang unter Anleitung von Chick Corea und Herbie Hancock der Funken auf Oliver Tabeling über, sich nicht nur auf notierte Improvisation, sondern auf die freie Improvisation wie in einem lebendigen Dialog mit Mitmusikern und Zuhörern einzulassen. „Seitdem geht es mir immer um Dialog. Was man meist Interplay nennt, empfinde ich als Gespräch zwischen Musikern. Beim Improvisieren erzählst du etwas von dir. Wenn du das im Duo tust, hat das einen ganz klaren Fokus. Da ist es wichtig, dass man dieselbe Sprache spricht und in denselben Bögen fühlt. Das Wichtigste ist mir dann in unseren Konzerten, dass ich Menschen mit meiner Musik erreiche und berühre.“

Die Aufnahmen zu dem Duoalbum entstanden Ende 2009 im Radiostudio Zürich des DSR. Entstanden sind neun Stücke, in denen sich die beiden Schweizer in ihren Dialogen auf eine spannungsreiche Reise ins Unterbewusste eingelassen haben. „Diese Reise wollte ich mit Andy Scherrer wagen, da ich mit ihm schon seit Jahren mit größtem Vergnügen zusammen arbeite“, war sich Tabeling sicher. Als Basis suchten sie sich einige Standards wie „I should care“ oder „Straight no chaser“ aus. Tabeling ließ sich in Eigenkompositionen auch durch Jazz-Klassiker wie „Stella by starlight“ oder „Blue in green“ und Edvard Griegs „Holberg- Suite“ inspirieren. Entstanden ist eine CD ohne Small- Talk-Attitüde, sondern mit breit gefächertem Vokabular und emotionalem Tiefgang. Um diesen Dialog auch live fort zu setzen, wird das Duo bis in das kommende Jahr hinein in Europa unterwegs sein (Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien).

CD: Oliver Tabeling & Andy Scherrer „Hippocampus Valley“, Foxtones Music/MVH Medien Vertrieb Heinzelmann FM0910 www.foxtonesmusic.de
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